Theater-AG

"Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt"

"An jedem Gymnasium , das seinen Bildungsauftrag Ernst nimmt, gibt es eine Theater-AG". Das schrieb vor nicht langer Zeit eine bedeutende Wochenzeitung. Ein kühnes Wort, zweifellos, Wunschdenken vielleicht? Für die Alte Landesschule scheint es wieder zuzutreffen. Theater-Spielen hat am Korbacher Gymnasium eine lange Tradition. Die Älteren werden sich noch an viele begeisternde Aufführungen in den 50er Jahren erinnern, als das Laienspiel an der ALS, gefördert vom damaligen Schulleiter Dr. Ehrentreich, eine Blütezeit erlebte. Die Theater-AG der Schule spielte eine führende Rolle bei der alljährlich stattfindenden Korbacher Laienspielwoche. Man wird sich an Namen wie Stielow oder Handschuch erinnern, ALS-Lehrer, die das Laienspiel am Korbacher Gymnasium mit großem Engagement betrieben; man wird sich erinnern an Aufführungen in der alten Stadthalle, dort, wo sich heute die Post befindet. Dorthin pilgerte die ganze Schulgemeinde. Unvergeßlich für viele wohl Büchners "Leonce und Lena", eine Einstudierung, die weit über das hinausging, was gemeinhin Schulensembles zu leisten im Stande sind.

Es folgte dann eine längere theaterlose Zeit. Warum dieser plötzliche Einbruch? Man kann es nur vermuten. Es war die Zeit der Hessischen Rahmenrichtlinien; Linguistik war Trumpf; Begriffe wie "generative Transformationsgrammatik" geisterten durch den Unterricht; "lieber Marx als Rechtschreibung" war ein häufig gehörter Slogan. Die Beschäftigung mit Literatur geriet ins Hintertreffen. Wollte man im Unterricht Shakespeare lesen, musste man sich dafür fast entschuldigen. Dieses Klima, das damals auch an der ALS herrschte, war für das Theater-Spielen nicht günstig, bis dann nach einer längeren Flaute auf das Betreiben des damaligen Schulleiters Dr. Mock wieder eine Theater-AG ins Leben gerufen wurde. Unter Leitung von Magdalena Heisig kam es zu einer bemerkenswerten Aufführung des "Kleinen Prinzen" und von Thornton Wilders Schauspiel "Wir sind noch einmal davongekommen". In guter Erinnerung auch noch Dürrenmatts "Romulus der Große" und Molières Komödie "Der eingebildete Kranke". Die Theater-AG wurde mittlerweile von Ilse-Marie Ruppel geleitet und hatte sich unter ihrer Regie prächtig entwickelt. Seit gut zehn Jahren arbeitet nun Gabriele Sommer mit der Gruppe.

Mit Elias Canettis "Die Befristeten" präsentierten sich unlängst die Schüler in der Aula der Schule. "Ein Brocken", wie ein beeindruckter, aber auch nachdenklicher Zuschauer treffend anmerkte; anspruchsvoll für Spieler und Publikum; eine Aufführung, die in der Presse gelobt wurde ("Eine beeindruckende Leistung zeigten die jungen Schauspieler der Alten Landesschule".). Grund für das "Klosterglöckchen", sich mit Gabriele Sommer, dem spiritus rector der Gruppe, über dieses für ein Schülertheater außergewöhnliche Stück und über den Stellenwert von Theater an der ALS zu unterhalten.

Von Alan Ayckbourne bis Elias Canetti

An die Anfänge könne sie sich noch gut erinnern. Nach dem Ausscheiden von Ilse-Marie Ruppel sei für einige Zeit von der Theater-AG nicht viel zu hören gewesen. Hin und wieder habe es kleinere Projekte gegeben; mit einzelnen Klassen habe sie sich ab 1997 in Workshops an der Theaterwoche beteiligt und schließlich mit Karin Pschera im Jahre 2000 Büchners "Leonce und Lena" als Tanztheater in der Theaterwoche zur Aufführung gebracht. Das Stück war das Resultat eines fächerübergreifenden Unterrichtsprojektes (Deutsch und Sport). Erst 2002 kam es dann zur Neugründung einer Theatergruppe, als einige Oberstufenschüler nach einem Besuch der Korbacher Theaterwoche den Wunsch äußerte, auch einmal ein ganzes Stück einzustudieren und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Natürlich habe sie die Anregung gerne aufgegriffen und man habe unverzüglich mit den Proben begonnen, und zwar mit Alan Ayckbournes Einakter "A Talk in the Park", für den Anfang gut geeignet, da man für die Realisation nur fünf Akteure und eine Parkbank brauchte. Seitdem habe man in jedem Jahr einen Klassiker einstudiert: "Romeo und Julia", Dürrenmatts "Die Physiker" und den "Besuch der alten Dame". Es folgten "Antigone" von Sophokles, "Hotel zu den zwei Welten" des französischen Zeitgenossen Eric-Emanuel Schmitt, Molières Komödie "Der Geizige" und in diesem Jahr Elias Canettis "Die Befristeten".

"Der Canetti war unsere bisher größte Herausforderung", resümiert die Regisseurin im Rückblick. "Es ist ein Stück ohne Handlung, das nur aus Dialogen besteht, aus Gesprächen über Sterben und Leben; Gewissheit und Sicherheit bestimmen den Alltag der Gesellschaft, bis ein Zweifler die Fundamente der Gesellschaft ins Wanken bringt". Packend und beklemmend zugleich sei es, aber auch schwierig zu realisieren. Eine ausführliche Würdigung des Stückes und der Schülerleistung werde im nächsten Schuljahresbericht erfolgen.

Förderung des Bildungsprozesses

Natürlich möchte man erfahren, wie Gabriele Sommer es immer wieder schafft, alljährlich ein Schülerteam zusammenzustellen, das bereit ist, neben dem normalen Unterrichtsbetrieb regelmäßig zu proben, lange Texte zu lernen und sich dem Stress einer öffentlichen Aufführung zu unterziehen. "Es ist heutzutage zweifellos schwieriger geworden, Schüler zu animieren, sich mit anspruchsvoller Literatur auseinander zu setzen. Fernsehcomedies und ähnlich seichte Unterhaltung sind da nicht gerade hilfreich. Hinzu kommen der Nachmittags-unterricht und die ständige Fluktuation innerhalb der Gruppe." Das erlaube auch keine langfristige Planung. So wisse sie erst zu Beginn des Schuljahrs, wie ihre Gruppe aussieht und was man eventuell spielen könne. Trotz dieser Widrigkeiten ist Gabriele Sommer vom Wert des darstellenden Spiels an der Schule überzeugt, setze es doch für die heutige Zeit wichtige Bildungsprozesse in Gang, wecke es im Schüler schlummernde Kräfte und helfe ihm bei der Ausbildung seiner Persönlichkeit. Schillers geflügeltes Wort "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" scheint genau das zu meinen.

Schülertheater ist Laienspiel

Häufig wird Gabi Sommer gefragt, warum sie sich mit ihrer Gruppe nicht bei der Korbacher Theaterwoche beteilige. "Das liegt einmal daran, daß die Theaterwoche in die Abiturzeit fällt, es also terminlich Probleme gibt, für Schüler und Regisseurin." Vor allem aber sei es die Entwicklung, die die Korbacher Theaterwoche genommen habe. Aus der ursprünglichen "Korbacher Laienspielwoche" sei eine "Theaterwoche" geworden. Da reisen semiprofessionelle Gruppen an mit einem gewaltigen Fundus, mit Beleuchter, Tonmeister, Bühnentechni-ker nebst Visagistin. Da könne und wolle sie als "Ich-AG" nicht konkurrieren. Außerdem gehe es ihr eher um traditionelles Theater als um experimentelle Produktionen, wie sie zumeist in der Theaterwoche zu sehen sind.

Wie ihre Planung für das nächste Jahr aussieht? Konkret will sie sich nicht äußern. Da gäbe es zu viele Unsicherheiten. Sicher sei nur, daß sie ihre einmal eingeschlagene Linie weiter verfolgen wolle: anspruchsvolle Stücke aus der Klassik und Moderne zu erarbeiten, sie sorgfältig einzustudieren, zur Freude des Publikums und auch der Akteure.

Die Klosterglöckner sind gespannt und wünschen der Theater-AG und ihrer Leiterin bei der Wahl des nächsten Stückes ein glückliches Händchen und für die Aufführung ein volles Haus und viel Beifall.

Bernd Schlieter

 

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